Interview mit Ulli Felber

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Du hast einen Gastartikel zum Thema Waldbaden für uns verfasst und mittlerweile ist ein neues Buch von dir zum Thema erschienen. Worum geht es darin?

Ulli Felber: Mein Buch „Waldbaden – das kleine Übungshandbuch für den Wald“ ist ein sehr praxisorientertes Buch mit vielen verschiedenen Übungen und Tipps rund ums Waldbaden. Es gibt einige sehr tolle Fachbücher zum Thema Waldbaden, darunter vor allem jene von Clemens G. Arvay. Was allerdings bislang fehlte, waren Bücher, die gebündelt Übungen vermitteln. Da Waldbaden hierzulande ja noch in den Kinderschuhen steckt, habe ich ein eigene Übungen und dazu auch ein eigenes Übungskonzept für meine Workshops entwickelt. Dieses Konzept soll Interessierten einen roten Faden bieten bzw. es auch einfacher machen, spezifische Übungen gezielt nach dem jeweiligen Anliegen auszusuchen. Dazu habe ich die Übungen in drei wesentliche Bereiche unterteilt: Während es im Bereich „Körper“ vor allem um Atem- und Meditationsübungen zur Stärkung des Immunsystems geht, widmet sich der Bereich „Geist“ verschiedenen Achtsamkeits- und Sinneswahrnehmungen zur Stressreduktion und Entspannung. Im Bereich „Seele“ wiederum finden sich einfache Natur- und Kraftrituale, die unter anderem bei psychischen Belastungen zum Einsatz kommen. Mein Ansatz ist ein bewusst einfacher, der jedem Menschen zugänglich sein soll. Man benötigt keinerlei Vorkenntnisse und es spielt auch keine Rolle, ob man jung oder alt, aktiv oder gemütlich, gesund oder belastet ist. Auch ist es nicht ausschlaggebend, ob man spirituell veranlagt oder eher bodenständig ist. Laut japanischen Ärzte sollte man beim Waldbaden übrigens nicht mehr als einen guten Kilometer pro Stunde zurücklegen. Was zählt, ist das Wahrnehmen, Erleben und Genießen, ohne Zeitdruck und ohne bestimmtes Ziel. Ein Ansatz, der in unserer hektischen Zeit gerne angenommen wird. Für mein Buch habe ich übrigens bewusst ein kleines, handliches Format gewählt, sodass man es auch problemlos in den Wald mitnehmen kann, wenn man eine Anleitung braucht.

Was sind die häufigsten Fragen, die dir Leute stellen, wenn du ihnen erzählst, dass du dich professionell mit Waldbaden beschäftigst?

Ulli Felber: Bei den meisten Menschen ernte ich zuerst erstaunte Blicke und dann kommt üblicherweise die Frage „Was bitte ist Waldbaden?“. Wenn ich dann kurz erkläre, worum es geht, erhalte ich fast ausnahmslos positive Reaktion: Nahezu alle erzählen mir dann sofort von ihrem persönlichen Bezug zum Wald, wie sie als Kinder dort gespielt haben, welche Erlebnisse sie damit verbinden und dass sie auch heute noch gerne in den Wald gehen. Selbst die nüchternsten unter ihnen berichten, dass auch sie die besondere Wirkung des Waldes auf sich wahrnehmen. Diese positive Reaktion freut mich jedes Mal sehr, vor allem auch, weil sich zeigt, dass die Menschen auch wirklich unsere wunderschöne Natur zu schätzen wissen.

Wenn man über Waldbaden spricht sagen viele Leute „Aber in den Wald kann ich auch so gehen“ – gibt es einen Unterschied und wenn ja, welchen?

Ulli Felber: Ein Aufenthalt im Wald wirkt sich immer positiv aus, egal ob man wandert, radelt, joggt oder einfach nur dasitzt. Man muss nichts Besonderes tun – aber man kann! Denn anhand von gezielten Übungen kann man die Wirkung des Waldes deutlich intensivieren. Beispielsweise kann man eben sein Immunsystem gezielt ankurbeln und seine Gesundheit in vielerlei Hinsicht unterstützen. Man kann sich aber auch speziell der Entspannung und Stressreduktion widmen. Beschäftigen einen jedoch spezielle Erlebnisse und Lebensereignisse, dann eigenen sich einfache Naturrituale gut, hier etwas in Gang zu bringen oder gar Loszulassen. Entsprechend habe ich, wie oben erwähnt, meine Übungen aufgebaut. Mir geht es bei meinem Buch und bei meinen Workshops darum, den Menschen einfach Inspirationen und Anleitungen zu bieten, wie sie selbst – ganz alleine und für sich – die Heilkraft des Waldes für sich nutzen können.

Auf deiner Homepage http://www.waldwelt.at bietest du auch Ausbildungen und Workshops an. Wie ist die Resonanz darauf? Welche Leute sind interessiert und warum?

Ulli Felber: Die Resonanz auf meine Workshops ist äußerst positiv. Was mich sehr erstaunt ist, wie unterschiedlich die Menschen sind, den Weg in meine Kurse finden: Da gibt es Förster, die den Wald einfach mal aus einer anderen Perspektive erleben möchten, Mütter, die mit ihren Töchtern kommen, Ärzte, die speziell an der Heilwirkung des Waldes interessiert sind, Naturpädagogen oder auch Yoga-Lehrer, die gerne mehr in diesem Bereich anbieten möchten. Es kommen aber auch interessierte Pensionisten oder Menschen, denen ein bewusster Lebensstil wichtig ist, Waldbesitzer, die Neues ausprobieren möchten, stressgeplagte Workaholics die entspannen wollen oder tatsächlich auch Menschen, deren Gesundheit angeschlagen ist und die gerne auf natürlichem Wege ihrem Körper etwas Gutes tun möchten.

Kannst du uns bitte ein paar Einblicke geben, wie die Workshops ablaufen und was währenddessen passiert!

Ulli Felber: Meine Workshops sind sehr praxisbezogen und finden immer im Wald statt. Es ist ein Wechselspiel zwischen Theorie und Praxis, wobei der Fokus definitiv auf den praktischen Übungen liegt. Lustigerweise sind die Teilnehmer anfangs oft recht erstaunt, wenn sich sie zu verschiedenen Übungen alleine in den Wald ausschwärmen lasse. Und was ich wirklich bei jedem Workshop erlebe, ist, dass es immer ein bisschen dauert, bis sich die Menschen auch tatsächlich aufs Waldbaden einlassen und zur Ruhe kommen. Besonders markant ist das bei Sinnes- bzw. Achtsamkeitsübungen. Da gibt es eine Übungsreihe bestehend aus fünf einzelnen Übungen, die jeweils 20 Minuten dauern. Der Auftrag ist einfach: Die Teilnehmer sollen sich immer nur einem Sinn widmen. Und jedes Mal ist es so, dass bei der ersten Übung praktisch alle Teilnehmer nach 5 Minuten beinahe schon gelangweilt zurückkehren, von wegen, sie hätten schon alles gesehen oder gehört. Das ist genau jener Punkt, den es zu überschreiten gilt. Denn erst, wenn man sich ganz auf die Übung einlässt und das noch dazu mit einer gewissen Faszination, erreicht man tiefere Eben der Entspannung und das wiederum wirklich sich positiv auf die Gesundheit bis hin zu einem erholsameren Schlaf und einer verbesserten Konzentration aus. Genau das versuche ich meinen Teilnehmern zu vermitteln. Und es funktioniert: Jede Übung dauert dann schon immer ein bisschen länger bis ich sie bei der letzten Übung meist schon suchen gehen muss, weil sie ganz in das Naturerlebnis vertieft sind und ganz ihr Zeitgefühl verlieren. Naja, und manchmal kann es auch vorkommen, dass jemand mit einem Pilz oder einer Handvoll Schwammerl zurückkommt. 😉

Hast du selbst eine Lieblingsübung wenn du in den Wald gehst?

Ulli Felber: Es gibt viele Übungen die mir gefallen und ich freue mich auch immer, neue zu entdecken und entwickeln. Eine meiner liebsten ist beispielsweise folgende:

Wurzeln schlagen; Dauer 10–20 Min.

Suche dir einen angenehmen Platz im Wald, setze oder stelle dich hin und schließe die Augen. Gib dir Zeit, ganz bei dir anzukommen. Mal dir nun in Gedanken aus, dass du zu einem Teil eines Baumes wirst: Aus deinen Füßen wachsen Wurzeln, die sich mit jedem Atemzug tiefer und tiefer in die Erde graben, bis du richtig verankert bist. Dann stelle dir vor, dass du alles Belastende, alle Blockaden, alles was du nicht mehr brauchst, mit jedem Ausatmen über deine Wurzeln an den Boden abgibst. Gleichzeitig nehmen deine Wurzeln mit jedem Einatmen alles aus dem Boden auf, was dir und deinem Körper guttut: Energie, Stärke, Kraft, Frieden, Ruhe … alles, was für dich momentan wichtig ist. Stell dir vor, wie diese Nährstoffe mit jedem Atemzug von den Wurzeln in deine Adern und Energiebahnen übergehen und dich erfüllen. Strecke nun auch deine Arme nach oben, stelle dir vor, dass sie zu Ästen voller Blätter werden, durch die du ebenfalls mit jedem Atemzug neue Kraft in dich aufnehmen und zugleich Verbrauchtes abgeben kannst. Bleibe bei dieser Vorstellung und achte auf eine tiefe Atmung. Dann komme langsam wieder zurück, senke deine Arme, lass deine Augen noch einen Moment geschlossen und verinnerliche das Gefühl, kraftvoll und stark wie ein Baum zu sein

Was war für dich selbst das Überraschendste, seit du dich mit Waldbaden beschäftigst?

Ulli Felber: Das Überraschendste war für mich, als ich noch gar nichts von Waldbaden bzw. Shinrin Yoku wusste und ich aus reinem Interesse, einfach einmal zu recherchieren begann: Ich wollte wissen, ob der Wald tatsächlich eine besondere Wirkung auf den Menschen hatte oder ob ich mir diese Wirkung, die ich bei jedem Waldbesuch wahrnahm, nur einbilde. So bin ich auf Shinrin Yoku gestoßen und war begeistert! Was mich heute nach wie vor immer wieder überrascht ist, wie anders ein und derselbe Wald aussieht mit jedem neuen Besuch. Es gibt Wälder, die ich seit frühester Kindheit besuche und wie meine Westentasche kenne. Und doch, seit ich mich bewusst mit Waldbaden beschäftige, entdecke ich immer wieder Neues und nimm auch den Wandel der Jahreszeiten viel stärker wahr.

 

Mag. Ulli Felber studierte Kommunikationswissenschaften und Kunstgeschichte und arbeitet hauptberuflich als Werbetexterin. Zudem ist sie dipl. Burnout-Prophylaxe-Trainerin und Waldpädagogin. Im April 2018 erscheint ihr Buch „Das kleine Buch zum Waldbaden“ (Verlag: Schirner). Mehr zu ihrer Arbeit gibt es auf: www.waldwelt.at

Bildnachweis: Sabrina Gößler Fotografie

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