Die Fähigkeit des Perspektivenwechsels

Die Fähigkeit des Perspektivenwechsels

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„Perspektive entsteht durch den Ort, an dem ich mich befinde plus der gesammelten Erfahrungen meiner Vergangenheit.“ Corinna-Angela von Giese, Kommunikationstrainerin
Sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ihre Perspektive einzunehmen, das ist eine Fähigkeit, die Kinder erst im Alter von etwa vier Jahren langsam entwickeln. Doch auch danach bleibt es schwierig: Die Fähigkeit des Perspektivenwechsels können und sollten wir unser ganzes Leben lang trainieren, und das ist gar nicht so einfach. Schließlich verhalten sich andere Menschen oft ganz schön unergründlich. Doch es lohnt sich, den Perspektivenwechsel als Sozialkompetenz zu entwickeln. Die Vorteile: Wir lernen andere Menschen besser kennen, machen neue Erfahrungen, werden weltoffener und bauen Vorurteile ab. Und: Wir werden glücklicher, denn wenn wir die Perspektive anderer einnehmen, stellen wir sehr häufig fest, dass es gar nicht nötig ist, sich zu ärgern oder aufzuregen. Doch wie übt man den Perspektivenwechsel? Wir haben dir sieben Tipps zusammengestellt.

Unsere Tipps

1 Interessiere dich für andere Menschen

Die Grundlage für Empathie und auch für einen möglichen Perspektivwechsel ist dein Interesse an anderen Menschen. Je mehr du darüber weißt, wie andere denken und fühlen, umso breiter ist auch das Spektrum dessen, was du dir vorstellen kannst. Anders ausgedrückt: Je mehr du dich für andere interessierst, umso leichter kannst du über deinen eigenen Tellerrand sehen, und genau darum geht es beim Perspektivwechsel ja. So kannst du dein Wissen über andere Menschen erweitern:

  • Lerne neue, möglichst unterschiedliche Menschen kennen.
  • Lies Biografien oder Interviews von interessanten Menschen oder schaue dir Dokumentationen über ihr Leben an.
  • Unterhalte dich mit deinen Freunden und Verwandten mal über Themen, über die ihr bisher wenig gesprochen habt. Kennst du zum Beispiel ihre Ansicht über Politik, Religion, Ernährung? Weißt du, wie ihre Kindheit war, was sie als ihre schönsten Erlebnisse empfinden und welche Schicksalsschläge sie erlebt haben? Frag doch einfach mal nach!
2 Gedankenspiel: Was könnte dahinterstecken?

Gerade, wenn wir uns über andere ärgern, neigen wir dazu, ziemlich gnadenlos zu sein. Da schimpfen wir im Auto über die „Schnecke“ vor uns, statt uns zu fragen, warum die Person vielleicht so langsam fährt:

  • Vielleicht ist sie oder er Fahranfänger oder fährt mit einem bisher unbekannten Auto und fühlt sich unsicher.
  • Vielleicht kommt sie oder er gerade aus einer anstrengenden Nachtschicht und möchte so übermüdet lieber nicht zu schnell fahren.
  • Vielleicht sitzt ein Kleinkind mit im Auto, das einen Teil der Aufmerksamkeit des Fahrers beansprucht.
  • Vielleicht ist die Fahrerin gedanklich mit einem Ehestreit, der bevorstehenden Geburt seines Kindes, einer Krankheitsdiagnose, einer anstehenden Prüfung oder einem Heiratsantrag beschäftigt und deshalb ein wenig abgelenkt.
  • Vielleicht genießt er oder sie es, mal nicht so schnell unterwegs sein zu müssen und stattdessen ein wenig von der Landschaft zu sehen.
  • Vielleicht ist er oder sie unsicher über die Strecke und fährt langsamer, um die richtige Abzweigung nicht zu verpassen.

Diese und viele weitere mögliche Gründe können zum Langsamfahren führen, und einige davon sind wirklich gut und verantwortungsvoll, oder? Du kannst natürlich nicht wissen, was den anderen zu seinem Verhalten führt. Aber genau deswegen lohnt es sich, dieses Gedankenspiel öfter mal zu spielen. Was könnte hinter dem Verhalten stecken, über das wir uns ärgern?

3 Nachfragen statt Aufregen

Wenn jemand sich anders verhält, als wir es erwarten, sorgt das schnell für Unmut oder Ärger. Warum eigentlich? Wir könnten auch einfach erst mal nachfragen, warum sich jemand so verhält. Vielleicht steckt ein wichtiger Grund dahinter, vielleicht ist dem anderen dieses Thema auch einfach nicht so wichtig wie uns selbst und vielleicht hat er oder sie noch nie darüber nachgedacht. In jedem Fall lernst du durch Nachfragen wieder ein Stück mehr die Sichtweise des anderen kennen.

4 Hinterfrage deine eigenen Überzeugungen

Viele Dinge in unserem Alltag machen wir ganz automatisch auf eine bestimmte Art, ohne uns jemals zu überlegen, dass auch ganz andere Varianten möglich wären. Solche unbewussten Denkmuster überhaupt zu erkennen, ist gar nicht so einfach. Aufmerksam werden solltest du immer dann, wenn du dich über das Verhalten eines anderen Menschen wunderst, ärgerst oder es seltsam findest. Wenn du dir nicht gleich erklären kannst, warum das so ist, bist du wahrscheinlich an eines deiner Gedankenmuster geraten. Doch auch über diese Dinge, die fast unumstößlich wirken, denken viele Menschen ganz anders:

  • Auch wenn es für dich selbstverständlich ist, Haus und Garten in Ordnung zu halten, kann das für andere nicht so wichtig sein – oder vielleicht auch aufgrund der Umstände nur schwer möglich.
  • Auch wenn du überzeugt davon bist, dich gesund zu ernähren, kann dein Nachbar etwas völlig anderes darunter verstehen.
  • Dinge, die dir leicht fallen, können für einen anderen Menschen fast unüberwindlich schwer sein – und umgekehrt.

Lerne, auch deine eigenen Überzeugungen nicht als selbstverständlich zu nehmen, sondern sie immer wieder zu hinterfragen.

5 Mach neue Erfahrungen, verlasse deine Komfortzone

Am liebsten umgeben wir uns mit Menschen, die ähnlich denken und fühlen wie wir. Das ist ganz normal und auch gut so. Aber es birgt die Gefahr, diese „Filterblase“ (denn die gibt es nicht nur im Internet) für einen Querschnitt der Gesellschaft zu halten. Das schränkt dich im Denken sehr stark ein. Je mehr unterschiedliche Menschen du hingegen kennenlernst und je mehr verschiedene Erfahrungen du machst, umso leichter fällt es dir, die Sichtweise anderer Menschen einzunehmen. Ein paar Tipps dazu:

  • Reise, selbst wenn es vielleicht nur in die nächstgrößere Stadt ist. Andere Kulturen wären natürlich noch besser, um deinen Horizont zu erweitern.
  • Lies Bücher oder schau Filme in einem Genre, das dich sonst gar nicht interessiert.
  • Belege einen Kochkurs oder mache einen Schnupperkurs in einer Sportart, die du noch nicht kennst. Probiere ein neues Hobby aus.
  • Gehe einem Ehrenamt nach, bei dem du mit Menschen in Kontakt kommt, die du sonst eher nicht treffen würdest.
6 Übung: Beobachtungen in der Fußgängerzone

Wie unterschiedlich Menschen sein können, kannst du am besten erahnen, wenn du sie beobachtest. Bei dieser Übung setzt du dich einfach für eine Stunde in ein Café in der Fußgängerzone und beobachtest die Menschen. Denke dir aus, wer sie sein könnten, wo sie gerade herkommen, was sie bewegen könnte. Lass deiner Fantasie dabei ruhig freien Lauf. Es geht ja nicht darum, die tatsächlichen Beweggründe der Menschen herauszufinden (das ist sowieso nicht möglich), sondern darum, ihr Verhalten zu beobachten und im Gedankenspiel Möglichkeiten zu finden.

7 Verzichte auf Bewertungen

„Meine Denk- und Verhaltensweisen sind richtig, andere falsch.“ Solange du diese Bewertung zulässt (und die steckt leider bei den meisten von uns tief in den Denkstrukturen), bist du nicht offen für die Perspektive von anderen Menschen. Versuche stattdessen, Dinge einfach wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten. Es geht nicht darum, ob du sie gut oder schlecht findest, sondern darum, die Beweggründe dafür zu verstehen. Und dabei steht dir die Bewertung nur im Weg.

!Wusstest du eigentlich...

In unserem Gehirn gibt es sogenannte Spiegelneuronen, die nur dafür da sind, das Verhalten anderer zu verstehen und zu interpretieren.

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